Zeit & Angst

Ich hadere ja immer wieder mit mir, ob ich persönliche Einträge auf meinem Blog veröffentlichen sollte.
Da gibt es meinen Bauch, der schreit: „Ja, lass alles heraus, befreie dich von deinen Gedanken, Gefühlen, Sorgen!“ Womit er schon irgendwie Recht hat.
Das Herz kann sich wie eh und je nicht entscheiden, tendiert mal zu dieser und zu jener Richtung, also keine große Hilfe.
Und dann gibt es da noch meinen Kopf, der immer so verdammt vernünftig und vorsichtig ist und mir zuflüstert: „Willst du denn wirklich, dass jeder lesen kann, was in dir vorgeht? Du hast jahrelang daran gearbeitet, nicht viel von dir preiszugeben, und jetzt willst du es in die Welt hinausschreien? Und wenn das dann jemand liest, der es nicht lesen sollte?“

Meist gewinnt der Kopf, denn seltsamerweise ist sein Flüstern viel lauter als das Geschrei meines Bauches. Was vielleicht daran liegen kann, dass er ständig auf mich einredet, während der Bauch dann auch mal zu Rufen wie „Fütter mich!“ oder „Guck mal, Katzenbabys!“ neigt und vergisst, dem Kopf contra zu geben. Und das Herz traut sich meist eh nicht, irgendetwas zu sagen.

Nun ja.

Heute gewinnt ausnahmsweise mal der Bauch, denn mein Kopf ist mit so vielen anderen Dingen beschäftigt, dass er momentan lieber das Umzug-Geld-Wohnung-Arbeitsamt-Job-Gedankenkarussel anwirft anstatt sich in meine Körperdiskussionen einzumischen.

Vor einiger Zeit wurde ich mal von einem Bekannten gefragt, was ich denn momentan so machen würde, ich sei ja „fertig mit dem Studium“. (Ob ich mich „fertig“ fühle oder nicht, sei mal dahin gestellt.) Ich bekomme diese Frage seit 11 Monaten immer wieder gestellt und hasse sie daher regelrecht. Daher lautet meine Antwort meist „Arbeitslos zu Hause sitzen. Oder auch: Kreative Schaffenspause.“ und wird garniert mit einem Lachen oder Zwinkern, um mein Unbehagen wegen dieser Frage und Antwort zu kaschieren. Nun bekam ich dieses Mal aber anstelle eines mitleidigen Blicks oder eines schnellen Themenwechsels die Aussage: „Oh, na dann hast du ja viel Zeit für dich! Kannst bestimmt viel zeichnen und so.“, welche mich sehr verwirrt und nachdenklich zurückließ.

Mir wurde bewusst, dass ich nun wirklich seit fast einem Jahr eigentlich das habe, was ich mir während des Studiums immer gewünscht habe. Zeit. Zeit für mich, für meine Ideen, für Serien und Filme und Bücher; Zeit, um neue Dinge zu lernen und zu entdecken; Zeit, um etwas zu schaffen. Doch es fühlt sich nicht so an. Mir fiel auf, dass ich in dem letzten Jahr weniger gezeichnet/gemalt und fotografiert habe, als in dem Jahr zuvor – und dass, wo ich doch damals zumindest ein halbes Jahr lang im Bachelor-Stress steckte. Immer noch habe ich mehrere Arbeiten hier zu liegen, die seit Monaten angefangen, aber noch nicht beendet sind. Viel mehr als von den Jahren davor. Stattdessen hatte ich im letzten Jahr mehr Artblocks als in der Zeit davor, außerdem mehr Tage, in denen ich mich kaum aus dem Bett rappeln konnte und meine Zeit häufig nur mit Teetrinken und Serienschauen vertrieb – wobei sich natürlich irgendwann das schlechte Gewissen einstellte, dass man schon wieder eine Woche lang keine Bewerbungen geschrieben hatte.

Früher erschien mir diese viele freie Zeit unglaublich begehrenswert, doch nun macht sie mir Angst. Sie verschluckt mich, hüllt mich ein wie eine weiche Masse, die plötzlich zur Falle wird. Ich habe das Gefühl, das Leben rennt mir davon und ich komme einfach nicht vom Fleck. Ein Problem dabei ist: Ich langweile mich nicht. Ich habe Dinge, die mir diese „freie“ Zeit ausfüllen, doch seit einiger Zeit fühlt es sich nicht mehr gut an. Ständig ist dort das schlechte Gewissen, wenn wieder einmal ein Wochenende nur die Hälfte aller Dinge geschafft wird, die man sich vorgenommen hatte. Und meist beinhaltet das mehr angefangene Dinge, die ich mich nicht traue weiterzumachen und dadurch mehr Frust.

Ich habe bemerkt, dass ich auch Probleme damit habe, Dinge fertig zu stellen. Es ist, als würde es mich gleichzeitig frustrieren, dass sie noch unvollendet sind, und beruhigen, weil es noch in der Schwebe hängt, es noch die Möglichkeit der Änderung gibt und das Ende eben noch nicht bevor steht. Genauso sieht es momentan auch in meinem Leben aus, ich hänge zwischen Studium und Beruf in der Schwebe und traue mich nicht, weiterzugehen. Weil mein gesamtes verdammtes Selbst Angst hat, und gelernt hat, Dinge, die ihm Angst machen, zu vermeiden oder davon zu laufen. Doch ich kann nicht länger laufen oder mich unter einer Decke verstecken und die Augen vor meiner Welt verschließen. Es überfordert mich, mich mit allen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, es in Betracht zu ziehen, endlich mal mutig zu sein. Ich will keinem die Schuld geben (außer mir selbst vielleicht), doch das letzte Semester des Studiums hat mein Selbstwertgefühl noch mehr zersplittert als es ohnehin schon war. Und je länger die Scherben liegenbleiben und einstauben, desto schwieriger wird es, sie zusammenzusetzen. (Bewerbungsabsagen sind dann übrigens der Hammer, der die Scherben immer mehr zerkleinert, und auch die vorwurfsvollen Blicke a la „Du bist ja zu doof, um dir nen Job zu suchen.“ beim Arbeitsamt helfen da nicht wirklich.)

Was jetzt Zeit und Angst miteinander zu tun haben? Früher half mir Zeichnen und Malen, um meinen Kopf klar zu bekommen, um mich abzulenken oder über Probleme nachzudenken. Jetzt stürmen die ganzen „Failure“-Gedanken auf mich ein und lassen mich blockiert zurück, sobald ich bei einem Bild einen bestimmten Punkt erreicht habe. Die Perfektionistin in mir, die meist die letzten Arbeitsschritte unternimmt, lässt mich daran denken, was ich alles nicht erreicht habe, und ab da ist alles vorbei und ich kann nur noch unter großer Anstrengung weiterarbeiten, was ich mir und meinen Bildern nicht antuen möchte, denn dann würden sie von etwas, in dass ich einen Teil meiner Selbst, meiner Gefühle stecke zu etwas, was getan werden muss und was einfach nur noch ein „Ding“ ist anstatt etwas, mit dem ich mich verbunden fühle.

Momentan weiß ich noch nicht, wie ich das alles in den Griff kriegen soll. Einmal sprach ich mit einer Person darüber und bekam nur ein „Dann ändere halt was an deinem Leben und hör auf, rumzuheulen.“ zu hören (vielen Dank nochmals, N., solche Kommentare sind NICHT hilfreich). Mir ist bewusst, dass ich etwas tun muss. Und mir ist auch klar, dass es nicht einfacher wird, sondern wohlmöglich erst einmal noch schlimmer. Ich weiß noch nicht, ob ich mich trauen werde, andere um Hilfe zu bitten bzw. in wie weit mir überhaupt jemand helfen kann, oder was genau ich tun werde. (Ein Umzug, um zumindest erst einmal aus der Stadt herauszukommen, die ich eigentlich nur noch mit meinem Studium verbinde und die mich immer mehr einzuengen scheint, ist eigentlich geplant, doch scheitert momentan noch an Geld, Wohnungsmarkt und auch dem Arbeitsamt, denn Hilfe gibt es nur bei „erforderlichen“ Umzügen, worunter meiner nicht fallen würde.)

Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass ich langsam wieder beginne, wenigstens Skizzen zu zeichnen und versuche, zumindest dort meine innere Perfektionistin auszuschalten – denn wenn ich lerne, sie zu ignorieren, kann ich mich vielleicht selbst auch wieder ein Stück mehr akzeptieren.

Als der unperfekte Mensch, der ich eben bin.

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10 thoughts on “Zeit & Angst

  1. Fühl dich geflauscht und geknuddelt von mir. Ich drücke dir sehr die Daumen, dass es bald mit Wohnung klappt, dass du da erstmal wegkommst. ❤

  2. Ich kann dich sehr gut verstehen. Leider so gut, dass ich nicht weiß, was ich hier am dümmsten schreiben soll, weil ich vor so viel gleichen oder ähnlichen Dingen Angst habe und da auch immer noch ratlos davor stehe.
    Fühl dich auf jeden Fall gedrückt! ❤ Und ich schließe mich Tine beim Daumendrücken für den Umzug an. ❤

  3. Hey, ich bin fest davon überzeugt, dass man manchmal solche Pausen braucht. Ich glaube, das motiviert wird einen für später und man hat dann wieder richtig Lust was „Richtiges“ zu tun.
    Ich weiß nicht, warum du bisher keinen Job gefunden oder gesucht hast, aber ich nehme an, das liegt einfach da dran, dass du noch keinen gefunden hast, der dir wirklich zusagt. Aber auch das wird noch kommen.

    Ich wünsche dir viel Erfolg auf deiner Suche,
    Jana

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, Jana 🙂
      Jobs gesucht habe ich schon sehr viel, nur ist es in meinem „Bereich“ schwierig, ohne viel Arbeitserfahrung eine Anstellung zu finden und wahrscheinlich stehe ich mir auch selbst sehr im Weg, da ich mir zumindest momentan nicht viel zutraue. Ich versuche jetzt, an mir und meinem Selbstbewusstsein zu arbeiten, vielleicht hilft mir das, zumindest mehr zu wagen und auch Herausforderungen entgegen zu treten anstatt sich davor zu verstecken, gerade habe ich ein wenig mehr Zuversicht als noch vor einigen Tagen 🙂

  4. Oh ja, oh ja. Oh ja.
    Bekannt kommt mir das alles vor, was du da so schreibst.
    Mir ging es letztes Jahr genauso.
    Nichts anderes hab ich dabei so sehr gehasst wie: „Und? Was macht die Jobsuche?“ Die Frage kam nämlich mindestens einmal pro Woche und teilweise bin ich einigen Leuten schon ganz bewusst aus dem Weg gegangen, um mich ihr nicht stellen zu müssen. Das Wort „Bewerbung“ konnte ich auch nicht mehr hören.

    Aber davon abgesehen war es im Nachhinein nicht nur die allerschlechteste Zeit.
    Denn auch da ging es mir wie dir: Ich hatte endlich Zeit für Sachen, die sonst immer zu kurz gekommen sind. Filme, die ich seit Ewigkeiten anschauen wollte, Serien, die ich endlich mal richtig kennenlernen anstatt nur antesten konnte, und Bücher, die ich während des Studiums gesammelt, aber nie gelesen habe.
    Insofern also alles in Ordnung.

    Wenn nur diese Fragen und Zweifel im Hinterkopf nicht gewesen wären. „Was soll nur aus dir werden?“ „Was, wenn beim nächsten Vorstellungsgespräch wieder nichts rauskommt?“ „War das Studium die richtige Entscheidung? Vielleicht hättest du lieber doch eine Ausbildung machen sollen?!“
    (Zugegeben, vor allem die letzte Frage dreht auch jetzt noch oft so ihre Runden in meinem Kopf.)
    Und irgendwie ist durch diese Fragen die Unbeschwertheit am ~Nichtstun so ein ganzes Stück weit verloren gegangen.

    Naja, dann kommen noch andere Leute dazu und der Spaß ist fast ganz vorbei.
    Das Arbeitsamt hat mich zum Beispiel ziemlich unter Druck gesetzt. Da wurde mir erzählt, dass es nur ein halbes Jahr Arbeitslosigkeit nach dem Studium braucht, um sich sämtliche Aussichten auf einen Job zu verbauen.
    Und ein Praktikum? „Neeeeiiin, bloß kein Praktikum! Sie müssen was arbeiten. Außerdem haben Sie doch schon eins im Rahmen Ihres Studiums absolviert.“
    „Hmm, schon, aber das war mehr ein Scheinpraktikum bei einem erfolglosen Start-up. Ich hab dort absolut nichts gelernt und fühl mich nicht vorbereitet.“
    „…“
    Keine Reaktion. Außer, dass mir anschließend Stellen vorgeschlagen wurden, bei denen mindestens zwei Jahre Berufserfahrung vorausgesetzt wurden und ich verständnislose Blicke erntete, als ich mich erdreistet habe, darauf allen Ernstes hinzuweisen. Vielen Dank.

    Dann hatte ich zwar tatsächlich ein paar Vorstellungsgespräche, aber auch die sind allenfalls suboptimal gelaufen, eins war sogar eine totale Katastrophe.
    Mitnehmen konnte ich da teilweise nichts als die Erkenntnis, dass man ohne Auslandssemester für die meisten als uneinstellbares Material gilt, auch wenn man sicher sein kann, dass das eigene Englisch besser ist als das der Geschäftsführer, aber man war eben nicht im Ausland, weil man das Geld dafür nicht aufbringen konnte.
    Das Selbstvertrauen vergrößern solche Erlebnisse wahrlich nicht, eher rollt sich das zusammen und kriecht in die hinterletzte Ecke, bis man meint, es ist gar nicht mehr da und vor der Frage steht, wie in aller Welt man das nächste Gespräch dieser Art ohne einen mentalen Zusammenbruch überstehen soll.

    Just get through the goddamn day.

    Tumblr, Bücher, Serien etc. waren während dieser Zeit auch eine wahnsinnig große Stütze und haben mir geholfen, mit vielem besser klarzukommen – nur dadurch, dass ich wusste, dass ich alles Störende auch mal für eine Weile ausblenden kann.

    Jetzt hab ich die Zusage für ein Volontariat bekommen und seit einigen Wochen wahrhaftig was zu tun.
    Optimal ist das auch noch nicht, aber ein Anfang. Und eine Aufgabe… vorerst zumindest.

    Ich hoffe jedenfalls für dich, dass du was Passendes findest (…und dass der Kommentar hier nicht doch viel zu lang ist…). Der sollte dir eigentlich nur zeigen, dass du mit der Situation nicht allein bist und irgendwann auch wieder bessere Zeiten kommen – selbst dann, wenn man eigentlich schon fast nicht mehr dran glauben möchte.

    Also auch von mir alles Gute!

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