Frankenstein

Frankenstein (2011)
Theaterstück

UK
OT mit engl. UT
FSK 15

Regie: Danny Boyle
Buch: Nick Dear (basierend auf dem Roman von Mary Shelley)
Musik: Underworld

Besetzung: Benedict Cumberbatch, Jonny Lee Miller, Naomie Harris, George Harris u. a.

‚And at the feet of my master, I learned the highest of human skills, the skill no other creature owns: I finally learned how to lie.(The Creature)

2011 wurde am National Theatre in London das Theaterstück „Frankenstein“ aufgeführt. Geschrieben von Nick Dear und inszeniert von Danny Boyle (Slumdog Millionär, Trainspotting), basierend auf dem Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley. Das Stück wurde aufgezeichnet und 2011/2012 in Kinos weltweit gezeigt.

‚Then why did you make me?‘ –  ‚To prove that I could!‘ (The Creature & Viktor Frankenstein)

Eine Besonderheit an dieser Inszenierung ist der Rollentausch der beiden Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch (Sherlock, Dame König Ass Spion) und Jonny Lee Miller (Trainspotting, Dark Shadows) – für einen Abend war Cumberbatch Frankenstein und Miller die Kreatur, am anderen Abend war es umgekehrt. Dies gab beiden Darstellern die Möglichkeit, sich sehr gut in die Rolle des Schauspielkollegen hineinzuversetzen, und dem Publikum zwei verschiedene Viktors und Kreaturen. Auch bei den Ausstrahlungen in den Kinos wurden beide Versionen gezeigt, leider konnten die Bea und ich letzten Sonntag in Berlin nur die Aufzeichnung mit Benedict Cumberbatch als Viktor Frankenstein und Jonny Lee Miller als „The Creature“ sehen – beide Versionen zu vergleichen wäre aber sehr interessant gewesen 🙂

Ich selbst bin ohne großes Vorwissen in die Vorstellung gegangen. Das Buch habe ich nie gelesen, auch keine der zahlreichen Verfilmungen gesehen. In groben Zügen kannte ich die Geschichte, aber mehr nicht. Und oh, ich war natürlich auch sehr gespannt, wie gut ich die englische Aufführung verstehen würde – selbst mit Untertiteln. 😉


‚I did not ask to be born, but once born, I will fight to live. All life is precious, even mine.‘ (The Creature)

Die Inszenierung legt dabei sehr viel Wert auf die von Frankenstein erschaffene Kreatur. Deshalb beginnt das Stück auch mit der „Geburt“ des Wesens. Vertrieben von seinem Schöpfer lernt es erst Hass und Abneigung der Menschen kennen, bevor es von einem alten blinden Mann namens DeLacey aufgenommen wird und bei ihm das erste Mal so etwas wie Geborgenheit erlebt. Von ihm lernt die Kreatur sprechen und lesen. Und denken.

Selbst dort wird es aber irgendwann entdeckt und vertrieben, sodass das Wesen (ich weigere mich, Monster zu schreiben) sich aufmacht, seinen Schöpfer zu finden. In einem Traum hat die Kreatur nämlich ein weibliches Geschöpf wie sich selbst gesehen. Und so sehnt es sich nach einer Gefährtin, die Frankenstein ihm nun… nun ja, „basteln“ soll.

Kurz zusammengefasst: Frankenstein stimmt zu, tötet die weibliche Kreatur aber vor der vollkommenen Belebung. Die männliche Kratur sinnt auf Rache und vergewaltigt und tötet Elizabeth, Frankensteins Frau, in der Hochzeitsnacht.
Letzten Endes jagt Viktor Frankenstein seine Schöpfung bis zum Nordpol, wo sie beide realisieren, dass sie letztendlich nicht ohne einander leben können…


This is your universe, Frankenstein!‘ (The Creature)

Würde ich auf jedes Detail oder jede Szene eingehen, würden 20 Seiten dieses Blogs nicht ausreichen, um die Worte aufzunehmen, auch wenn ich es gerne würde. Allgemein kann ich sagen: Das Stück war… einfach nur wow. Wahnsinnig toll, ergreifend, lustig, zum Nachdenken anregend.

Die unterlegende Musik war an manchen Stellen etwas gewöhnungsbedürftig, aber nicht unpassend. Das Bühnenbild detailiert und trotzdem nicht überladen, besonders toll: Hunderte von Glühbirnen als Himmel, die zum Beispiel bei der Geburt der Kreatur pulsierend aufglühten.

Die Schauspieler waren alle genial, auch wenn ich mich immer noch frage, warum Viktors Vater und der jüngere Bruder William dunkelhäutig waren, genauso wie Viktors Verlobte Elizabeth (Naomie Harris). Tut mir Leid, aber da stach der rothaarige Viktor extrem heraus, das war etwas unpassend – vor allem, da George Harris (Kingsley Shacklebolt aus Harry Potter) als Frankenstein senior auch noch so einen starken Akzent hatte 😉
Und ja, die Vergewaltigung der Elizabeth durch die Kreatur fand ich nicht gut. Ich fand irgendwie nicht, dass es zum Verhalten der Kreatur gepasst hat. Klar, Frankenstein hatte ihm alles genommen, also nahm er dem Schöpfer auch alles, was ihm wichtig war. Trotzdem habe ich die Szene mit gemischten Gefühlen betrachtet und empfinde sie jetzt immer noch als nicht richtig.

Allerdings gab es auch lustige Szenen. Wenn zum Beispiel Elizabeth Viktor in Erinnerung ruft, dass er ruhig mit ihr über seine Probleme reden kann, da sie ja schließlich bald heiraten werden, und Viktors Reaktion nur ein „Oh.“ ist. Und alle Sherlock Fans dürften wohl bei der Aussage „I was so boooored!“ herzlich gelacht haben 😉 Aber auch die Kreatur zeigte vor allem zu Beginn kindliche Züge wie die Freude über den ersten Schnee, das man einfach mitlachen musste.

Jonny Lee Miller als Kreatur hat wunderbar den anfänglich naiven, kindlichen und verletzten Charakter des Wesens rübergebracht, und selbst als „gebildete“ Kreatur waren diese kindlichen Spuren noch vorhanden. Gleichzeitig wirkte die Art und Weise seines Schauspiels teilweise sehr grob, ich hatte zumindest das Gefühl, dass die Kreatur wahnsinnig stark war und mit der Kraft möglicherweise auch nicht vollkommen umzugehen wusste.

Benedict Cumberbatch wirkte als der vom Ehrgeiz getrieben Wissenschaftler mit soziopathischen Zügen sehr authentisch, da war immer dieses gewisse Leuchten in seinen Augen und seiner Art und Weise zu sprechen, wenn er als Viktor über seine Wissenschaft philosophierte, aber auch die Unsicherheit beim Umgang mit Elizabeth. Ein kleines Detail, was ich aber genial fand: Beide Schauspieler schwitzten stark (kein Wunder, bei den Scheinwerferlichtern) und Benedict Cumberbatch fuhr sich immer fahrig über Mund/Stirn/Gesicht, wodurch die aufkommende Unruhe und auch Verzweiflung viel stärker wirkte.

So you make sport with my life?‘ – ‚In the cause of science!‘ (The Creature & Viktor Frankenstein)

Das Stück warf natürlich die Frage auf, wann ein Leben Leben ist oder nur bloße Existenz. Was entscheidet also, welches Leben lebenswert ist? Herkunft, Taten, Intelligenz? Die Fähigkeit zu lieben? Was macht uns zu Menschen? Und was ist alles im Namen der Wissenschaft erlaubt? Fragen, die auch heute noch für rege Diskussionen sorgen. Und somit zeitlos sind.

9 von 10  | 9 von 10 Sternen

Juliane Bunk, Juli 2012

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3 thoughts on “Frankenstein

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